5 Fragen an …
5 Fragen an Sheherazade Busch
Unsere »5 Fragen an …« konnten wir dieses Mal Sheherazade Busch stellen. Sie ist Geschäftsführerin der TINCON, rund um digitale Jugendkultur. An dieser Stelle passt by the way auch unsere neuste frohe Message: Die TINCON findet auch in diesem Jahr in Kooperation mit der der c/o pop Convention statt – und zwar am 16.04. in der Pattenhalle in Ehrenfeld. Aber lest doch erst einmal Sheherazades smarte Einschätzungen – beispielsweise zu den größten Unterschieden zwischen Gen Z und Gen Alpha, zum Comeback der Flip-Phones und anderen Eskapismus-Strategien. Und überhaupt bringt sie noch einmal auf den Punkt, warum Popkultur einfach für alle von uns so verdammt wichtig ist.
Viel Spaß beim Lesen!
Welche Inhalte bewegen Gen Z und Gen Alpha momentan popkulturell –jenseits der großen Schlagworte wie Klima, KI und Krise?
Was wir gerade sehen, ist einerseits eine Nostalgie-Welle: Y2K-Ästhetik, frühe 2000er-Sounds, sogar Flip-Phones feiern ihr Comeback. Das ist teilweise pure Eskapismus-Strategie, ein digitales Wohlfühlbad in einer Zeit, die noch nicht so komplex erschien. Gleichzeitig boomt aber auch hyperpersonalisierter Content, der durch Algorithmen auf TikTok perfektioniert wird und gleichzeitig von Jugendlichen kritisch betrachtet wird. Was dabei häufig falsch verstanden wird: Diese Generationen werden oft als homogene Masse behandelt – dabei könnten die Unterschiede kaum größer sein. Während die einen ihre Social Media Feeds clean gestalten, ihre Routinen optimieren und nach Makellosigkeit streben, interessieren sich andere bewusst für Brainrot-Content das Ironische oder Memehafte und entziehen sich damit genau diesem Performance-Druck. Parallel berichten uns jungen Menschen vermehrt von Digital-Detox-Phasen, um dieHoheit über die eigene Aufmerksamkeit zurück zu gewinnen und selbst zu entscheiden, was ihnen gerade gut tut.
Welche Chancen hat Popkultur, um junge Menschen politisch zu empowern –und kann sie sogar helfen, demokratische Werte gegen neue Strömungen (wie einenwachsenden Rechtsruck) zu stärken?
Popkultur kann dir deinen ersten eigenen Raum verschaffen, wenn der Rest der Gesellschaft deine Stimme noch nicht ernst nimmt oder aktiv ignoriert. Für mich persönlich waren Rap-Musik und Hip-Hop-Kultur in meinem Erwachsenwerden prägend. Sie haben meine politische Haltung mitgeprägt und meine eigene Form von Rebellion ermöglicht. Popkultur hilft dabei, sich abzugrenzen und die eigene Identität zu schärfen. Gegen den wachsenden Rechtsruck kann Popkultur Gegennarrative schaffen und demokratische Werte erlebbar machen – durch Community, durch Solidarität, durch Kultur, die progressive Positionen nicht nur behauptet, sondern lebt. Allerdings dürfen wir nicht naiv sein: Auch rechte Bewegungen nutzen popkulturelle Codes extrem geschickt. Deshalb braucht es ein noch stärkeres Bewusstsein dafür, dass Popkultur ein Gegengewicht bilden kann und sollte. Das kostet Geld und Ressourcen, und die sollten auch von staatlichen Stellen nicht gekürzt werden – gerade jetzt nicht.
Musik war lange eine zentrale Protestform junger Generationen. Welche Rollespielt sie heute und wie hat sich das Verhältnis zu anderen Protestformen verändert?
Musik ist nach wie vor politisch, aber sie funktioniert heute anders als früher. Es gibt nicht mehr die eine große Protest-Hymne, die eine ganze Generation eint. Stattdessen ist politische Musik fragmentierter, persönlicher geworden, manchmal subtiler. Artists nutzen ihre Reichweite für direkte Statements, Spendenaktionen oder Kampagnen. Gleichzeitig konkurriert Musik mit anderen Protestformen: Ein Meme kann viraler sein als ein Song und ein TikTok-Video schneller mobilisieren als ein Konzert. Protest findet auf verschiedenen Plattformen statt und Musik schafft dabei oft den emotionalen Soundtrack, im besten Fall prägt sie sogar die Identität einer Bewegung. Sie ist ein wichtiger Teil, aber nicht mehr automatisch das Zentrum.
Wenn du in die Zukunft blickst: Was ist für dich die wichtigste Message, dieman jungen Menschen auf Veranstaltungen wie der TINCON mit auf den Weg gebenkann?
Dass eure Perspektive zählt und zwar jetzt, nicht erst irgendwann, wenn ihr alt genug seid, wann auch immer das sein soll. Die Welt gehört auch euch, und ihr habt jedes Recht, sie mitzugestalten, Meinungen zu formulieren und Mitbestimmung einzufordern. Gleichzeitig gilt aber auch: Ihr müsst nicht alles allein stemmen. Der Druck, permanent performativ aktivistisch zu sein, eine klar ausformulierte Meinung zu haben kann lähmen und hindert einen vor allem daran, sich wirklich mit Themen auseinander zu setzen. Es ist okay zu sagen, dass man zu einem Thema noch zu wenig weiß, noch keine starke Meinung zu etwas hat Die Welt ist komplex, einfache Antworten sind meistens falsch. Entwickelt eure eigene Haltung, hinterfragt auch eure eigenen Bubbles, bleibt im Gespräch – auch mit Menschen, die anders denken. Jan Böhmermann sagt: Einander ist alles, was wir haben. Und das stimmt doch.
Dein perfekter Tag auf der c/o pop?
Zunächst ist das Wetter natürlich super und wir erleben einen der ersten richtig warmen Frühlingstage. Vormittags dann Talks angucken. Ich ärgere mich immer noch, dass ich damals bei dem Talk mit Xatar nicht dabei sein konnte, das hätte ich gern gesehen. Aber Mittags im Hof vom Herbrand’s mit alten Bekannten quatschen und neue Leute kennenlernen gehört natürlich absolut dazu. Da ich in Berlin wohne, komme ich quasi als Touri nach Köln, weshalb der Besuch im Kebap Land auf keinen Fall fehlen darf. Und Abends natürlich Konzerte gucken. Einer meiner liebsten Konzertmomente überhaupt ist, als Sven Regner zusammen mit der Crucchi Gang “Azzurro” gesungen hat. Und ich hoffe, den Ohrwurm hab ich jetzt weiter gegeben.
Sheherazade Busch hat in Göttingen Geschichte und Germanistik studiert und ihr Volontariat im Literarischen Zentrum gemacht. Seit 2017 ist sie bei der TINCON an Bord: erst als Gesamtprojektleitung, heute als Geschäftsführerin der TINCON gGmbH. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von Kultur, Politik und digitalen Themen – mit dem Fokus darauf, wie junge Menschen in einer digitalen Welt aufwachsen, sich einmischen und ihre eigenen Räume schaffen. Ab und zu steht sie auch selbst auf Bühnen und hält Vorträge zu digitaler Jugendkultur, Medienkompetenz und Beteiligung.